von Dipl.-Psych. Michael Cramer, Psychologischer Psychotherapeut
Es gab eine Zeit, in der die Beleuchtung von Häusern auf Gaslampen basierte. Gasleitungen führten durch das gesamte Haus zu den Leuchten, die man einzeln entzünden konnte. Alle entzündeten Leuchten mussten sich die Gasmenge teilen, die pro Minute durch die Hauptleitung strömen konnte. Das hatte zur Folge, dass die Beleuchtung einer einzelnen Leuchte umso schwächer wurde, je mehr Leuchten man entzündete. Hielt man sich in einem Raum auf und in einem anderen Raum des Hauses wurden Leuchten entzündet, wurde es im eigenen Raum ein wenig dunkler.
In dem sehenswerten Psychothriller "Das Haus der Lady Alquist" (1944), der auf dem Theaterstück "Gaslicht" (1938) von Patrick Hamilton basiert, spielt dieser technische Zusammenhang eine wichtige Rolle.
Gregory manipuliert seine Ehefrau Paula systematisch und versucht zu erreichen, dass sie an ihrem Verstand zweifelt. Aus irgend einem Grund wird das Gaslicht immer etwas dunkler, wenn Gregory gerade nicht im Raum ist. Sie fragt ihn und ihre Hausangestellten, ob jemand ein Licht angemacht habe, was alle verneinen. Gregory überzeugt Paula davon, dass sie sich das nur einbilde, so wie er auch andere Dinge manipuliert, um Paula in den Wahnsinn zu treiben.
Ich verrate hier nicht mehr von der Handlung, um Ihnen nicht die Spannung zu verderben. Jedenfalls wurde das Theaterstück von 1938 zum Namensgeber für den psychologischen Begriff “Gaslighting”.
"Gaslighting" bezeichnet in der Psychologie eine Form der psychischen Manipulation, die zum Ziel hat, das Opfer zu verunsichern, sodass es an sich selbst, an seiner Wahrnehmung der Realität und an seinem Gedächtnis zweifelt. Dabei geht es dem Gaslighter um Machtausübung und Kontrolle.
Gaslighting kommt in vielen Lebensbereichen vor. Im privaten Bereich kann man es manchmal im Umgang mit Narzissten erleben, in toxischen Beziehungen oder auch im Kontext von Mobbing am Arbeitsplatz. In der psychologischen Kriegsführung und Propaganda gehört es zu den häufigen Methoden. Die psychischen Folgen für die Opfer können gravierend sein.
Typische Beispiele für Gaslighting
- Leugnen und Umdeuten von Fakten: Der Gaslighter behauptet, dass Dinge nicht gesagt wurden oder nicht passiert sind und versucht, eine "alternative Wahrheit" zu erschaffen, damit das Opfer an seinem Gedächtnis zweifelt.
- Angriff auf die Gefühle: Die Gefühle des Opfers werden als "krankhaft" oder unangemessen abgetan, damit es nicht mehr auf die eigene Einschätzung oder Bewertung der Situation vertraut.
- Schuldumkehr (Täter-Opfer-Umkehr): In Konflikten wird die Schuld auf das Opfer abgewälzt und sogar für die Fehler des Gaslighters verantwortlich gemacht ("sieh mal, wozu du mich gebracht hast").
- Manipulation des Umfelds: Der Gaslighter versucht, dass Umfeld gegen das Opfer zu instrumentalisieren, damit das Opfer den Eindruck bekommt, ganz allein mit der "falschen" Wahrnehmung zu sein ("deine Mutter findet auch, dass du...").
- Zwei Gesichter: Dem Umfeld gegenüber verhält sich der Gaslighter seriös, sympathisch und hilfsbereit. Deshalb befürchtet das Opfer, dass ihm niemand glauben wird, dass der Gaslighter noch eine zweite Seite hat, die im Gegensatz dazu steht.
Was Sie gegen Gaslighting tun können
Wenn Sie den Verdacht haben, von Gaslighting betroffen zu sein, können Sie folgendes tun:
- Achten Sie auf Ihre Intuition: Fühlen Sie sich in der Kommunikation mit einer Person häufig verwirrt, neben der Spur und entschuldigen sich ständig für Dinge, ohne zu wissen, was Sie eigentlich falsch gemacht haben? Das kann ein Warnzeichen sein.
- Notieren Sie sich Ereignisse und Gespräche unmittelbar, machen Sie Screenshots und speichern Sie digitale Spuren. Dabei geht es nicht darum, den Gaslighter zu überzeugen (das wird Ihnen nicht gelingen), sondern darum, für sich selbst einen Anker in der Realität anhand von Fakten zu schaffen.
- Sprechen Sie mit einer vertrauenswürdigen, nicht involvierten Person über die Vorfälle, um sich eine Außenperspektive und Unterstützung zu holen.
- Begrenzen Sie die Kommunikation mit dem Gaslighter, indem Sie sie beenden und Grenzen ziehen. Vermeiden Sie Diskussionen. Gaslighter lassen sich meist nicht überzeugen.
Der erste Schritt zur Befreiung aus dem Gaslicht-Nebel ist, das Muster zu erkennen. Das wird Ihnen ab jetzt leichter gelingen.
Autor:
Dipl.-Psych. Michael Cramer
Psychologischer Psychotherapeut,
Master of Advanced Studies in Psychotherapie
mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie (Uni Bern)
