von Dipl.-Psych. Michael Cramer, Psychologischer Psychotherapeut
Wenn Sie meine Serie bis hierher gelesen haben, sind Sie gut aufgestellt, um Ihre Chancen auf einen Therapieplatz zu erhöhen (Folge 3), dabei auch abseits ausgetretener Pfade zu suchen (Folge 4) und gezielt nach der Therapieform (Folge 7) und der Fachperson (Folge 6) zu suchen, die Sie brauchen.
Und dennoch ist es sehr wahrscheinlich, dass Sie eine Wartezeit in Kauf nehmen müssen, bis Sie einen Therapieplatz haben. Wie Sie diese Wartezeit sinnvoll und zu Ihrem Nutzen überbrücken können, beschreibe ich Ihnen in dieser und in der nächsten Folge.
In dieser Folge geht es um professionelle Anlaufstellen vor Ort, die Ihnen innerhalb weniger Tage oder Wochen Unterstützung anbieten können. Diese Stellen bieten Stabilisierung, Beratung und Entlastung.
Auch wenn Sie sich auf die Wartelisten mehrerer Praxen für Psychotherapie haben setzen lassen, sollten Sie die hier vorgestellten Hilfsangebote nutzen, bis Sie sicher einen Platz in der Psychotherapie haben.
Ihr Zustand kann sich während der Wartezeit spontan verbessern, aber auch verschlechtern, da Ihre Probleme weiterhin bestehen. Es ist deshalb sinnvoll, sich in der Wartezeit professionell begleiten zu lassen, bis die ambulante Psychotherapie beginnt.
Manchmal macht die Unterstützung durch eines der im Folgenden vorgestellten Hilfsangebote eine Psychotherapie sogar überflüssig, denn manchmal ist eine ambulante Psychotherapie nicht notwendig oder nicht das passende Hilfsangebot (Folge 2).
Von Kommunen oder von Wohlfahrtsverbänden (Diakonie, Caritas, AWO, Rotes Kreuz, etc.) getragene Beratungsstellen gibt es in jeder Stadt und in jedem Landkreis. Leider werden diese Angebote oft unterschätzt.
Auch wenn der Name Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle (EFL) etwas sperrig klingt, es lohnt sich, das Angebot auf der Homepage Ihrer nächstgelegenen EFL zu studieren und Kontakt aufzunehmen.
Als Allrounder für jegliche Belastungssituation schauen sich die Mitarbeiterinnen der Beratungsstellen Ihre Lebenssituation ganzheitlich an, nicht nur auf eine Diagnose eingeengt.
Termine sind oft relativ kurzfristig verfügbar und die Beratung ist meist kostenfrei und kann auf Wunsch anonym erfolgen.
Beim Thema Abhängigkeit und Sucht denkt man vielleicht sofort an Alkohol, Drogen und Tabletten. Und natürlich sind Suchtberatungsstellen mit diesen Süchten vertraut und bieten Unterstützung bei deren Überwindung an.
Darüber hinaus sind Suchtberatungsstellen aber auch gute Ansprechpartner bei Mediensucht, Spielsucht, Internetsucht, Sexsucht, Kaufsucht und Essstörungen.
Nicht nur Betroffene können dort Unterstützung finden, sondern auch Angehörige, die im Umgang mit einer süchtigen Person in ihrem Umfeld überfordert sind.
Auch das Hilfsangebot der Suchtberatungsstellen ist kostenfrei und wird von Kommunen oder von Wohlfahrtsverbänden getragen.
Der Sozialpsychiatrische Dienst gehört zum öffentlichen Gesundheitswesen und bietet kostenlose Beratung für Menschen mit psychischen Erkrankungen und in Krisensituationen an. Dabei spielen immer mehr auch alterspsychiatrische Erkrankungen (z.B. Demenz) eine Rolle.
Das breit gefächerte Angebot richtet sich an Betroffene und Angehörige. Es reicht von Beratung und Krisenintervention über die Vernetzung und Vermittlung an Fachärztinnen, Kliniken und andere Beratungsstellen bis hin zu Hausbesuchen und Unterstützung bei der Alltagsbewältigung.
Das Hilfsangebot des SpDi ist kostenfrei.
Eine Psychiatrische Institutsambulanz ist Teil einer Psychiatrischen Klinik. Hier arbeiten multiprofessionelle Teams daran, Menschen mit psychischen Erkrankungen im ambulanten Setting zu helfen, d.h. ohne stationäre Aufnahme.
Ärztinnen, Psychotherapeutinnen, Sozialpädagoginnen, Ergotherapeutinnen und Kunsttherapeutinnen arbeiten in Psychiatrischen Institutsambulanzen und unterstützen Menschen therapeutisch dabei, sich zu stabilisieren. Auch eine medikamentöse Behandlung kann bei Bedarf hier erfolgen.
Da die Psychiatrische Institutsambulanz Teil eines Krankenhauses ist, übernimmt Ihre gesetzliche Krankenkasse die Kosten der Behandlung.
Die gemeinsamen Vorteile von Beratungsstellen, Sozialpsychiatrischem Dienst und Psychiatrischen Institutsambulanzen sind zusammengefasst:
| Anlaufstelle | Fokus | Besonderheit |
| Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen (EFL) | Krisen, Konflikte, Entlastung | Oft kurzfristig und anonym möglich |
| Suchtberatungsstellen | Abhängige und Angehörige | Auch Verhaltenssüchte (Spielen, Medien, Sex, Kaufen, Essen, usw.) |
| Sozialpsychiatrischer Dienst (SpDi) | psychische Krisen, soziale Hilfe | Hausbesuche möglich, auch alterspsychiatrische Erkrankungen |
| Psychiatrische Institutsambulanz (PIA) | Medizinisch-therapeutische Hilfe | Medikamentöse Hilfe möglich |
Autor:
Dipl.-Psych. Michael Cramer
Psychologischer Psychotherapeut,
Master of Advanced Studies in Psychotherapie
mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie (Uni Bern)