von Dipl.-Psych. Michael Cramer, Psychologischer Psychotherapeut
Wenn es Ihnen psychisch oder emotional schlecht geht, möchten Sie so schnell wie möglich Hilfe bekommen. Einen ambulanten Psychotherapieplatz zu finden, kann aber lange dauern. Deshalb ist es wichtig, dass Sie genau prüfen, ob eine ambulante Psychotherapie überhaupt das ist, was Sie brauchen. Denn monatelang auf einen Platz zu warten um dann festzustellen, dass es gar nicht die richtige Maßnahme für Sie ist, verlängert nur unnötig Ihr Leid.
Wie Sie in akuten psychischen Krisen und Notfällen handeln und an wen Sie sich in einem solchen Fall wenden sollten, habe ich Ihnen in Folge 1 dieser Serie beschrieben.
Eine ambulante Psychotherapie ist eine Krankenbehandlung. Nur deshalb wird sie von den Krankenkassen bezahlt. Wenn keine psychische Erkrankung, also keine Störung mit Krankheitswert vorliegt, bedarf es (zum Glück) auch keiner Behandlung. Es gibt eine Vielzahl von Situationen im Leben, in denen es einem psychisch nicht gut geht. Das heißt aber nicht, dass man eine psychische Erkrankung hat, die behandelt werden muss.
Psychische und emotionale Probleme können die Folge körperlicher Bedingungen sein. Hormonelle Veränderungen (Schilddrüse, Wechseljahre), Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten aller Art, Alkohol- oder Drogenkonsum bereits in geringer Menge, ungünstige Schlaf- oder Ernährungsgewohnheiten können erhebliche psychische Probleme verursachen. Der erste Weg sollte Sie also zu einer Hausarzt- oder Facharztpraxis führen, um mögliche körperliche Ursachen abklären zu lassen.
Wenn wir um einen geliebten Menschen trauern, kann es uns sehr schlecht gehen, manchmal monatelang. Man spricht auch vom “Trauerjahr”. Eine psychische Krankheit ist das aber nicht, sondern ein Teil unseres normalen Lebens, wenn auch ein sehr harter Teil. Hospizvereine bieten Trauerbegleitung an, um Menschen durch diese schwere Zeit zu begleiten und auch die Telefonseelsorge steht rund um die Uhr zur Verfügung.
Wenn es in der Partnerschaft häufig Konflikte gibt, wenn sich die (Schwieger-)Eltern ständig in die Erziehung der Kinder einmischen, dann ist das emotional sehr belastend. Aber eine psychische Krankheit ist das nicht. Paar- und Familienberatung in Beratungsstellen oder Paar- und Familientherapie in einer Privatpraxis sind in solchen Fällen hilfreich. Man kann diese Hilfsangebote auch als Einzelperson nutzen.
Aber es gibt auch Menschen mit einer tatsächlichen psychischen Erkrankung, die dennoch nicht unbedingt ein Fall für eine ambulante Psychotherapie sind. Wenn jemand eine Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenabhängigkeit hat und nicht zu erwarten ist, dass diese Person innerhalb von 12 bis 24 Therapiesitzungen abstinent (“trocken”) ist, dann schließt dies eine ambulante psychotherapeutische Behandlung sogar aus gesetzlichen Gründen aus. Suchtberatungsstellen sind dann zuständig.
Ich möchte Sie mit diesen wenigen Beispielen (die Liste ließe sich erweitern) dafür sensibilisieren, dass nicht alles, was nach einer psychischen Störung aussieht, tatsächlich ein Fall für eine ambulante Psychotherapie ist. Wenn Sie sich ausschließlich auf die Suche nach einem Platz für eine ambulante Psychotherapie begeben, übersehen Sie vielleicht, dass Sie woanders schnellere und passendere Hilfe bekommen könnten.
Hier noch einmal die Beispiele im Überblick:
| Problem | Geeignete Hilfe |
| Abklärung körperlicher Ursachen | Hausarzt- und Facharztpraxen |
| Trauer | Hospizvereine bieten Trauerbegleitung an, Telefonseelsorge |
| Konflikte in Partnerschaft und Familie | Paar- und Familienberatungsstellen, Privatpraxen für Paar- und Familientherapie, auch für Einzelpersonen nützlich |
| Probleme im Konsumverhalten | Suchtberatungsstellen (Alkohol, Drogen, Medikamente, Glücksspiel, Gaming, soziale Medien, Sex, Essstörungen, Kaufsucht, usw.) |
Wenn sich herausstellt, dass es keine körperlichen Ursachen für Ihre Beschwerden gibt und auch die anderen Hilfsangebote nicht für Sie geeignet sind, dann ist der nächste Schritt, einen Platz in der Psychotherapie zu suchen. Wie Sie dabei vorgehen sollten und wie Sie Ihre Chancen auf einen Therapieplatz erhöhen können, erfahren Sie in Folge 3 dieser Serie.
Autor:
Dipl.-Psych. Michael Cramer
Psychologischer Psychotherapeut,
Master of Advanced Studies in Psychotherapie
mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie (Uni Bern)