von Dipl.-Psych. Michael Cramer, Psychologischer Psychotherapeut
Noch verwirrender als die Psycho-Titel (Folge 6), können die zahlreichen Therapiebezeichnungen und deren Abkürzungen sein. Kennen Sie die Unterschiede zwischen Verhaltenstherapie, Systemischer Therapie, Tiefenpsychologisch fundierter Therapie und Analytischer Therapie? Wissen Sie, was hinter den Abkürzungen EMDR, DBT, CBASP, MCT und ACT steckt? In dieser Folge ordnen wir den Therapie-Wirrwarr.
Damit in Deutschland eine Krankenkasse eine Psychotherapie bezahlt, muss das Therapieverfahren, das angewendet werden soll, wissenschaftlich nachgewiesen haben, dass es wirksam ist. Warum sollten die Beitragszahler für etwas bezahlen, das nichts bringt?
Der wissenschaftliche Nachweis, dass ein Therapieverfahren wirksam ist, erfordert jahrzehntelange Forschung und hunderte komplizierte Studien. Aber selbst wenn dieser Nachweis erbracht ist, dauert es noch viele Jahre, bis Gutachten und Verhandlungen dazu führen, dass ein Verfahren auch sozialrechtlich anerkannt, also zur Kassenleistung wird.
Deshalb gibt es in Deutschland nur vier Psychotherapieverfahren, die wissenschaftlich und sozialrechtlich als Leistung der gesetzlichen Krankenkassen anerkannt sind. Das sind die folgenden (in alphabetischer Reihenfolge):
Die Analytische Psychotherapie geht auf die Psychoanalyse von Sigmund Freud zurück. Sie geht davon aus, dass Erfahrungen, die in der Kindheit und danach mit Beziehungspersonen gemacht wurden, unbewusste Konflikte verursacht haben, die nicht bewältigt wurden. Diese unbewussten Mechanismen führen zu psychischen Symptomen. In der Therapie geht es deshalb darum, die unbewussten Prozesse, Muster und Gefühle bewusst zu machen, um sie zu verstehen und verändern zu können.
Die Systemische Therapie betrachtet psychische Symptome vor dem Hintergrund von Beziehungen, z. B. in einem Familiensystem. Deshalb bezieht diese Therapie Bezugspersonen eher in die Therapie ein, als es bei anderen Therapieverfahren der Fall ist. Die Ressourcen der Patientinnen und Patienten, wie Fähigkeiten, das soziale Umfeld, usw. werden besonders gefördert und genutzt, um psychische Symptome zu lindern und günstigere Bewertungs-, Verhaltens- und Beziehungsmuster zu entwickeln.
Die Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie geht, wie die Analytische Psychotherapie, auf die psychoanalytische Theorie zurück. Unbewusste psychische Prozesse und nicht bewältigte Erfahrungen spielen deshalb auch hier eine große Rolle. Allerdings stehen bei dieser Therapieform die aktuellen unbewussten Konflikte stärker im Vordergrund als in der Analytischen Therapie. Die Bewusstmachung und Einsicht in unbewusste Konflikte und Ursachen ist auch hier der Weg zur Veränderung und Linderung der psychischen Symptome.
Die Verhaltenstherapie basiert auf psychologischen Konzepten, die Lernprozesse als ursächlich für psychische Probleme ansehen. Im Verlauf der Lebensgeschichte eines Menschen hat dieser sehr viele Lernerfahrungen verinnerlicht, teilweise unbewusst. Aus diesen Lernerfahrungen hat der Mensch problematische Denk- und Verhaltensweisen entwickelt, die zu den Symptomen führen. In der Therapie werden diese Muster (Teufelskreise) herausgearbeitet, erklärt und aktiv verändert.
In jedem dieser vier Therapieverfahren stecken wiederum Therapieansätze, die ziemlich umfangreich sein können, aber kein eigenständiges Therapieverfahren darstellen. Da ich Verhaltenstherapeut bin, kann ich Ihnen das am besten am Beispiel der Verhaltenstherapie erklären.
Die Metakognitive Therapie (MCT), die Akzeptanz- und Commitment Therapie (ACT), die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) und das Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP) sind Beispiele für umfangreiche Therapieansätze innerhalb der Verhaltenstherapie. Diese Ansätze sind wissenschaftlich fundiert und werden für unterschiedliche Gruppen von Störungen eingesetzt.
Die DBT hat sich als wirksam bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen erwiesen, während die MCT bei der Behandlung von Depressionen und Angst-/Zwangsstörungen hilfreich und CBASP bei chronischen Depressionen nützlich ist.
Innerhalb von Therapieverfahren gibt es also zahlreiche Ansätze, um bestimmte therapeutische Problemstellungen oder Zielgruppen zu behandeln. Verhaltenstherapie als MCT funktioniert völlig anders als CBASP, auch wenn beides Verhaltenstherapie ist. Wenn Ihnen also jemand erzählt, was er/sie in der Verhaltenstherapie gemacht hat, können Sie nicht darauf schließen, das das in Ihrer Therapie ebenfalls so sein wird. Denn Ihre Therapie kann, je nach Problemstellung, völlig anders aussehen.
Darüber hinaus gibt es Techniken, die weder ein eigenständiges Therapieverfahren noch einen umfangreichen Therapieansatz darstellen. Beispiele sind die EMDR-Technik (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) oder Hypnose. Diese Techniken können von ausgebildeten Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten unabhängig vom Therapieverfahren eingesetzt werden, wenn es sinnvoll ist.
Die EMDR-Technik hat sich in Studien bei der Therapie von Posttraumatischen Belastungsstörungen als hilfreich erwiesen und darf als Technik aller sozialrechtlich anerkannten Therapieverfahren im Rahmen einer von der Krankenkasse finanzierten Psychotherapie angewendet werden.
Auch Hypnose kann im Rahmen von Richtlinientherapien, die von den Krankenkassen bezahlt werden, eingesetzt werden. Hypnose hat z. B. in Studien zur Behandlung chronischer Schmerzen ihre Nützlichkeit gezeigt. Deshalb nutze auch ich als Verhaltenstherapeut, der zusätzlich in Hypnose ausgebildet ist, bei Schmerzpatient*innen gelegentlich diese Technik, auch wenn sie nicht zum typischen verhaltenstherapeutischen Vorgehen zählt.
Aber auch Entspannungsverfahren wie Progressive Muskelentspannung nach Jacobson (PMR) oder Autogenes Training (AT) und hunderte andere Techniken gehören als Werkzeuge zum Repertoire eines Therapieverfahrens.
Autor:
Dipl.-Psych. Michael Cramer
Psychologischer Psychotherapeut,
Master of Advanced Studies in Psychotherapie
mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie (Uni Bern)