von Dipl.-Psych. Michael Cramer, Psychologischer Psychotherapeut
Wenn bei Ihnen kein akuter Notfall vorliegt (Folge 1) und wenn Sie gründlich geprüft haben, dass andere Hilfsangebote für Sie nicht passend sind (Folge 2), tun Sie jetzt genau das Richtige und suchen nach einem Platz in der ambulanten Psychotherapie.
Jetzt haben Sie sich endlich durchgerungen, sich Hilfe zu suchen, rufen bei einer psychotherapeutischen Praxis an und erfahren, dass diese in den nächsten Monaten keinen Therapieplatz frei hat. Als Sie weitere Praxen anrufen, merken Sie schnell, dass es überall dasselbe ist. Diese Erfahrung ist maximal frustrierend.
Als hätten Sie nicht schon genug Probleme, müssen Sie nun auch noch endlos herum telefonieren, bis Sie endlich ein Erstgespräch bekommen. Dafür haben Sie eigentlich keine Kraft, keinen Antrieb, keine Nerven.
Tun Sie es trotzdem. Auch wenn es frustrierend ist, lassen Sie sich auf so viele Wartelisten wie möglich aufnehmen. Die Kontaktdaten der psychotherapeutischen Praxen mit Kassenzulassung in Ihrer Nähe finden Sie in der Arztsuche der Kassenärztlichen Vereinigung.
Sie sollten auch den Patientenservice der Kassenärztlichen Vereinigung 116117 (ohne Vorwahl) anrufen und sich bei der Suche nach einem Erstgespräch unterstützen lassen. Denn Sie haben das Recht auf eine sogenannte psychotherapeutische Sprechstunde, in der die Notwendigkeit einer Psychotherapie überprüft wird.
Darüber hinaus bietet der Patientenservice der 116117 auch die Möglichkeit, freie Termine online zu buchen.
Psychotherapiepraxen arbeiten zu denselben Zeiten wie die meisten Berufstätigen. Ihre Therapietermine werden deshalb sehr wahrscheinlich tagsüber stattfinden, anfangs im wöchentlichen Abstand, meist zu einem festen Termin (z.B. dienstags um 10:00 Uhr). Klären Sie deshalb mit Ihrem Arbeitgeber und Ihrer Familie frühzeitig ab, wie Sie es organisieren werden, wenn Sie einen Therapieplatz gefunden haben. Denn wenn Sie mit einer Praxis Kontakt aufnehmen und sagen können, dass Sie zeitlich flexibel sind, ist es für die Praxis natürlich viel einfacher, Ihnen einen Platz anzubieten, als wenn Sie “nur freitags ab 17:30 Uhr” können.
Das gleiche gilt für Ihre Bereitschaft, an einer Gruppentherapie teilzunehmen. Gruppentherapie hat eine Reihe von Vorteilen, die ich Ihnen in einem späteren Artikel beschreiben werde. Einer davon ist, dass mehrere Menschen zum selben Termin behandelt werden können. Sie in eine Gruppe aufzunehmen ist für die Praxis einfacher, als einen Platz in Form von Einzeltherapie zur Verfügung zu stellen.
Auch Ihre Bereitschaft, Videositzungen zu nutzen, schafft Flexibilität. Ihnen ermöglicht es, Ihren Suchradius auszuweiten und Sie müssen nicht zu jedem Termin fahren. Den Praxen ermöglicht es, Sie auch mal kurzfristig einzuschieben, wenn jemand spontan abgesagt hat, was wegen längerer Anfahrt sonst vielleicht nicht funktionieren würde. Schaffen Sie daher rechtzeitig eine Umgebung zu Hause, in der Sie vertrauliche Videositzungen wahrnehmen könnten.
Es nützt Ihnen aber nichts, sich per Telefon und E-Mail auf viele Wartelisten setzen zu lassen, wenn Sie dann nicht für die Praxen erreichbar sind. Wenn eine Praxis versucht, sich bei Ihnen zu melden und Sie nicht erreicht, wird sie verständlicherweise die nächste Person auf der Liste kontaktieren. Stellen Sie deshalb Ihr Telefon auf laut und richten Sie sich E-Mails als Push-Nachrichten auf den Sperrbildschirm Ihres Smartphones oder Ihre Smartwatch ein. Das ist ein echter Vorteil für Ihre Erreichbarkeit.
Hier nochmal die sechs Punkte zur Verbesserung Ihrer Chancen als Checkliste:
Noch ein Tipp: Da auch Patientinnen und Patienten in den Urlaub fahren, kommt es in Psychotherapiepraxen in den Schulferien eher mal zu Terminausfällen. Wenn eine Praxis nicht selbst ferienbedingt geschlossen ist, können Sie also versuchen, verstärkt in dieser Zeit dort nachzufragen.
In Folge 4 dieser Serie verrate ich Ihnen zwei relativ unbekannte Wege, einen Therapieplatz zu finden und erkläre Ihnen, wie Sie vorgehen sollten, wenn Sie einen dieser Wege nutzen möchten.
Autor:
Dipl.-Psych. Michael Cramer
Psychologischer Psychotherapeut,
Master of Advanced Studies in Psychotherapie
mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie (Uni Bern)