von Dipl.-Psych. Michael Cramer, Psychologischer Psychotherapeut
In Folge 8 habe ich Ihnen Angebote beschrieben, bei denen Sie sofort vor Ort einen persönlichen Kontakt zu einem Menschen nutzen können, um Hilfe zu erhalten. Es kann aber Gründe geben, warum Sie ein digitales Angebot vorziehen: Eingeschränkte Mobilität, terminliche Gründe, fehlende Kinderbetreuung, Ängste, usw.
Dank Digitalisierung und künstlicher Intelligenz (KI) können Sie hilfreiche Angebote zu Hause nutzen und Ihre Wartezeit auf einen Platz in der Psychotherapie sinnvoll überbrücken. Viele von Ihnen versuchen das ja schon. Sie fragen den Chatbot ihres Vertrauens.
Aber es gibt bessere Alternativen. Denn Bots wie ChatGPT, Gemini & Co. sind keine zugelassenen Medizinprodukte, sie speichern Ihre intimsten Sorgen und Fragen auf Servern in datenschutzrechtlich problematischen Staaten wie den USA oder China und machen zudem Fehler, die gefährlich sein können.
Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen (Folge 6) können seit 2020 sogenannte Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) auf Rezept verordnen, deren Kosten von den Gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden, weil sie als Medizinprodukte angesehen werden.
DiGAs sind Apps und Online-Kurse, die zur Therapievorbereitung genutzt oder zur Therapieunterstützung eingesetzt werden können. Stand heute (26.06.2026) sind insgesamt 78 DiGAs im Verzeichnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) aufgenommen, davon 31 für psychische Probleme und Störungen.
Das Spektrum der adressierten Probleme reicht von ADHS, Borderline, Depression und Ängsten über chronische Schmerzen, Schlafstörungen, Essstörungen und Vaginismus bis hin zu Raucherentwöhnung, leichten kognitiven Störungen und Demenz.
Neben Informationen und Aufklärung, bieten DiGAs interaktive Übungen, manche auch einen Video-Call mit einer psychologisch geschulten Person.
Wie schon erwähnt (Folge 2), sollten Sie zu Ihrer Hausarztpraxis gehen, wenn es Ihnen psychisch schlecht geht, bei Ihnen aber kein akuter psychischer Notfall (Folge 1) vorliegt. Passiv auf einen Psychotherapieplatz zu warten, also in der Wartezeit nichts auszuprobieren, das Ihren Zustand verbessern könnte, kann Ihren Zustand weiter verschlechtern (Folge 8). Ihre Hausarztpraxis kann Sie beraten und bei entsprechender Indikation das Rezept für eine DiGA ausstellen.
Gesetzliche Krankenkassen sind verpflichtet, ihren Versicherten Präventionskurse anzubieten. Diese gibt es auch digital. Insbesondere Präventionsangebote mit Fokus auf Entspannung, Stressreduktion und körperlicher Gesundheit sind bei psychischen Problemen empfehlenswert.
Hier reicht das Spektrum von Stressprävention durch Pausen, Zeitmanagement, Ernährung und Work-Life-Balance über Entspannungsverfahren wie Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training und Achtsamkeit bis hin zu Yoga, Pilates und Beweglichkeitstrainings.
Schauen Sie sich auf der Homepage Ihrer Krankenkasse nach Präventionsangeboten um oder fragen Sie direkt bei Ihrer Kasse nach. Manche Krankenkassen erstatten den vollen Preis der Kurse, manche etwas weniger (80%).
Was Sie in solchen Präventionskursen für wenig bis gar kein Geld lernen, wird Ihnen für den Rest Ihres Lebens nützen. Denn auch nach einer Therapie wird es darum gehen, nicht in alte Muster zurück zu fallen, was meistens bedeutet, Stress reduzieren oder sogar vermeiden zu können.
Autor:
Dipl.-Psych. Michael Cramer
Psychologischer Psychotherapeut,
Master of Advanced Studies in Psychotherapie
mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie (Uni Bern)