von Dipl.-Psych. Michael Cramer, Psychologischer Psychotherapeut
Vergleichen Sie sich mit Anderen? Vielleicht auch auf sozialen Medien? Fühlt sich das für Sie manchmal belastend an?
Wenn es Ihnen so geht wie den meisten Menschen, dann fühlen Sie sich dabei oft unzulänglich, fehlerhaft und schlecht. Sie bekommen Selbstzweifel, halten sich für nicht gut genug, nicht erfolgreich genug, nicht attraktiv genug.
Andere scheinen ihr Leben besser im Griff zu haben, scheinen bessere Eltern zu sein, zufriedenere Partnerschaften zu führen. Sie scheinen ein spannendes Leben und keine Probleme zu haben, sie scheinen einfach glücklich zu sein.
Das Leben der Anderen sieht perfekt aus.
Oberflächlich betrachtet.
Überlegen Sie einmal, was Sie selbst in den sozialen Medien veröffentlichen? Welches Bild könnte man von Ihrem Leben bekommen, wenn man Sie nicht kennt?
Posten Sie Ihre Misserfolge? Ihre Ängste? Traumatische Erinnerungen? Posten Sie Ihre Selbstzweifel? Ihre lückenhafte Arbeitsbiografie? Ihren Kontostand? Posten Sie Ihre Krankengeschichte? Ihre toxische Beziehung? Ihre Einsamkeit? Ihre Psychotherapie?
Die Anderen auch nicht.
“Unter jedem Dach ein ‘ach’”, sagt ein Sprichwort.
Jeder Mensch hat Probleme.
Jeder!
Und warum sollte man diese Probleme auch posten? Wenn das Leben an sich schon schwer genug ist und wenn man sich gerade deshalb vielleicht ein perfektes Leben wünscht, hat man doch gerade in der Welt der sozialen Medien die Möglichkeit, wenigstens so zu tun, als wäre das eigene Leben perfekt.
Vielleicht geht es bei scheinbar perfekten Profilen manchmal gar nicht darum, die Follower davon zu überzeugen, dass das Leben der postenden Person perfekt ist. Vielleicht geht es der postenden Person manchmal einfach nur darum, für sich selbst ein perfektes Leben zu inszenieren, damit das echte besser auszuhalten ist. Vielleicht flüchtet man sich manchmal lieber in eine perfekte Inszenierung, als die ungeschönte Realität ertragen zu müssen.
“Nicht alles, was glänzt, ist Gold.”
Noch so ein Sprichwort.
Wenn Sie das nächste Mal in die Vergleichsfalle tappen, können Sie den “Perfektions-Eisberg” als Tool nutzen, um wieder milder und gerechter mit sich selbst umzugehen. Am Ende dieses Textes finden Sie das PDF-Dokument zum Download.
Das Tool kann Ihnen dabei helfen, Ihre blinden Flecken zu reflektieren, wenn Sie sich wieder mal mit Ihrer besten Freundin, Ihrem Arbeitskollegen, Ihrer Nachbarin, Ihrer Vorgesetzten, Ihrem Vereinskameraden oder sonst jemandem vergleichen.
Was liegt vielleicht unter der Wasseroberfläche? Was entgeht Ihnen? Was wissen Sie nicht über die andere Person?
Denn das Gras auf der anderen Seite des Zauns ist bekanntlich immer nur aus der Ferne grüner ;-)
Autor:
Dipl.-Psych. Michael Cramer
Psychologischer Psychotherapeut,
Master of Advanced Studies in Psychotherapie
mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie (Uni Bern)
